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Wir müssen die Sichtbarkeit der ZfP erhöhen und die Unverzichtbarkeit herausstellen

Veröffentlicht am Donnerstag, 23. Juni 2022.

Ende Mai wurde Dr. Jochen Kurz zum neuen Vorstandsvorsitzenden der DGZfP gewählt. Im Interview erläutert er seine Sicht auf die Zerstörungsfreie Prüfung (ZfP) und erklärt, was ihn motiviert hat dieses Amt zu übernehmen und welche Schwerpunkte er in seiner Tätigkeit setzen möchte.
 

Herr Kurz, Sie gehören seit 2019 dem Vorstand an. Was hat Sie dazu motiviert, die Nachfolge von Dr. Anton Erhard als Vorsitzender zu übernehmen?

Mir macht die Arbeit im Vorstand Spaß. Mit den Vorstandskollegen sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der DGZfP besteht eine konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Daher ist es mir nicht schwergefallen, weitere drei Jahre für den Vorstand zu kandidieren. Zudem waren meine ersten drei Jahre im Vorstand stark von der Pandemie geprägt, so dass ich mich jetzt freue, eine hoffentlich eher klassische Vorstandsperiode mitzugestalten.
 

Was wollen Sie anders machen, was wollen Sie beibehalten?

Die DGZfP ist grundsätzlich sehr robust aufgestellt. Die Mitgliederzahl ist während und nach der Pandemie stabil geblieben, die Tagungen, Workshops und Seminare werden gut angenommen und das Feedback ist positiv. Eine Notwendigkeit für disruptive Veränderungen sehe ich eindeutig nicht.

Der gewählte Vorstand besteht jetzt aus drei Personen, die aktiv im Berufsleben stehen. Das heißt, Aktivitäten und Termine müssen mit Vorlauf geplant sein, so dass es gelingt, den persönlichen Kontakt zu Mitgliedern, Mitarbeitenden und weiteren Aktiven im Umfeld der Zerstörungsfreien Prüfung (ZfP) pflegen zu können. Pandemiebedingt waren viele interne und externe Termine als Vorstand in den vergangenen drei Jahren nicht möglich, die ich nun gern wahrnehmen möchte.

 

Was werden die Schwerpunkte Ihrer Arbeit als Vorstandsvorsitzender sein?

Viele Schwerpunkte der nächsten Jahre ergeben sich aus den aktuellen Veränderungen. Die DGZfP hat sich intern einen Strategieprozess verordnet, den ich als Vorstandsvorsitzender gern begleiten möchte. Fachkräftemangel und Nachwuchsgewinnung werden sicherlich Punkte sein, ebenso der weitere Weg der Digitalisierung sowohl für interne Prozesse als auch für Veranstaltungsformate.

Ich bin jetzt seit 13 Jahren stellvertretender Vorsitzender des Fachausschusses ZfP im Bauwesen und mit der DIN 4871 werden wir erstmals eine Ausbildungsnorm für diesen Bereich haben. Ich möchte mich als Vorstandsvorsitzender dafür einsetzen, damit dieses neue Qualifizierungsformat funktioniert und auch akzeptiert wird.


Werfen wir einen Blick zurück. Wie sind Sie zur Zerstörungsfreien Prüfung gekommen?

Nach meinem Abitur entschied ich mich für ein Geophysik-Studium in Jena. Meine Diplomarbeit schrieb ich über Finite-Elemente-Modellierungen zu Schwarmerdbeben, einem Erdbebenphänomen, das in Mitteleuropa speziell im Vogtland und NW-Böhmen vorkommt.

2002 bot mir Prof. Hans-Wolf Reinhardt in der Arbeitsgruppe von Christian Große, damals an der Universität Stuttgart, eine Promotionsstelle am Institut für Werkstoffe im Bauwesen an. Dort promovierte ich 2006 über die Schallemissionsanalyse an Stahl- und Stahlfaserbeton.

Anschließend ging ich als PostDoc ans Fraunhofer-Institut für Zerstörungsfreie Prüfverfahren (IZFP) und befasste mich dort zunächst mit der Verknüpfung von Ergebnissen zerstörungsfreier Prüfungen an Pipelines und deren bruchmechanischer Bewertung.

Später baute ich die Gruppe „Lebensdauermanagement“ auf, die sich schwerpunktmäßig mit der ZfP im Bauwesen beschäftigte. Viele Projekte fanden im Rahmen des zwischen der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) und dem Fraunhofer IZFP gegründeten JointLabs statt. 2012 übernahm ich dann die Leitung der Abteilung Materialcharakterisierung am Fraunhofer IZFP.

Jochen Kurz erhält den Anwenderpreis 2011 auf der Jahrestagung in Bremen

Ende 2015 trat ich bei der DB Systemtechnik GmbH in Brandenburg-Kirchmöser die Nachfolge von Hartmut Hintze als Leiter Zerstörungsfreie Prüfung und Prüfsysteme an. Die Möglichkeit, nach meiner wissenschaftlichen Tätigkeit in die Industrie zu gehen, aber auch private Umstände machten mir die Entscheidung für den Wechsel damals leicht. Meine langjährige Fernbeziehung zwischen Saarbrücken und Berlin fand ein lang ersehntes Ende.

 

Was waren Ihre ersten Berührungspunkte mit der DGZfP?

Meine ersten Berührungspunkte mit der DGZfP hatte ich 2003, als ich einen Vortrag beim „International Symposium on Nondestructive Testing in Civil Engineering (NDT-CE)“ in Berlin hielt. Während meiner Promotion nahm ich erstmals als Gast an einer Sitzung des DGZfP-Fachausschusses ZfP im Bauwesen teil, in dem ich mich seither aktiv engagiere.

Im Laufe der Jahre kamen weitere Aufgaben für die DGZfP hinzu. Am DB-Standort in Kirchmöser befindet sich das Prüfungszentrum für das DGZfP-Ausbildungszentrum Wittenberge. Durch meine Leitung des akkreditierten Prüflabors und Inspektionsgebiets, sammelte ich Erfahrung mit der Deutschen Akkreditierungsstelle (DAkkS). Im Januar 2017 übernahm ich den Vorsitz im Lenkungsausschuss der DGZfP-Personalzertifizierung (LA DPZ) und wurde in den Beirat kooptiert. Auf der DACH-Jahrestagung 2019 in Friedrichshafen wählten mich die Mitglieder schließlich in den Vorstand der DGZfP.

In all meinen Funktionen bei der DGZfP gibt mir mein Arbeitgeber Rückhalt und den nötigen Freiraum. Dafür bin ich sehr dankbar. Denn mein Engagement für die DGZfP bringt zwar Arbeit mit sich, bietet jedoch auch viele Vorteile, wie den fachlichen Austausch und die Einflussnahme auf wichtige Entscheidungen im Eisenbahnsektor.

 

Vor welchen Herausforderungen steht die DGZfP und die gesamte ZfP-Branche?

Insbesondere im akademischen Bereich beobachte ich, dass Reisebudgets kurzfristig nicht mehr in dem Maße zur Verfügung gestellt werden, wie vor der Pandemie. Dies kann zu einem Problem werden, denn auf Präsenzveranstaltungen tauschen die Teilnehmenden nicht nur Fachinformationen aus, sondern zukünftige Arbeitnehmer und junge Nachwuchswissenschaftler*innen knüpfen dort erste Kontakte zu potenziellen Arbeitgebern.
 

Eine Herausforderung auf längere Sicht ist der Wegfall der jahrzehntelangen großen Entwicklungstreiber der Zerstörungsfreien Prüfung, wie beispielsweise die Kernkraftindustrie. Die damit verbundene Sichtbarkeit der ZfP und den hohen Stellenwert für die Sicherheit und Qualitätssicherung in Deutschland betrachte ich als gefährdet.

— Dr. Jochen Kurz, Leiter Zerstörungsfreie Prüfung und Prüfsysteme bei DB Systemtechnik GmbH


In anderen Industriebereichen sind die gesetzlichen Anforderungen in Bezug auf sicherheitsrelevante Prüfungen derzeit deutlich geringer als in der Kerntechnik. Ich befürchte, dass es künftig schwieriger wird, entsprechende Budgets für Forschung und Entwicklung bereitzustellen. Es fehlt ein treibender Industriesektor, von dem aus Entwicklungen in andere ZfP-relevante Bereiche übergehen.

Aber vor dem Hintergrund der Digitalisierung müssen Entwicklungswege jetzt sicherlich auch anders und neu gedacht werden. Hier gilt es entsprechende Strategien zu entwickeln, die die Sichtbarkeit der ZfP erhöhen und die Unverzichtbarkeit herausstellen. Diese Herausforderung möchte ich mit der DGZfP angehen und aktiv mitgestalten.

 

Was tun Sie, um abzuschalten?

Ich bin leidenschaftlicher Sportler. Volleyball spiele ich seit über 30 Jahren. Neben Mannschaftssportarten liebe ich alles, was ich in oder auf dem Wasser ausüben kann. Dabei schalte ich am besten ab. Ich lebe mit meiner Frau in „wilder Ehe“ im grünen Brandenburg an der Havel und genieße die umliegende Natur in vollen Zügen. Um geistig und körperlich zu regenerieren, hilft mir auch ein gutes Essen. Ich bin Fan der französischen Küche.

Mit Freund beim geliebten Wassersport

 

Herr Kurz, viel Erfolg in Ihrer neuen Position und vielen Dank für das Gespräch.

 

Anja Schmidt, Julia Willich